Der Breitenwanger Totentanz

Ich gebe eine historische und kunstgeschichtliche Erläuterung des Breitenwanger Totentanzes im Gesamtkontext der Kirche.
Näheres zur Aufführung der „Sieben Todsünden“ und des „Totentanzes“ von Franz Kranewitter am 15. und 16. März 2013 finden Sie auf der Homepage des Kulturforums Breitenwang http://www.kulturforum-breitenwang.org/programm/03.html


Gelobt seist du, mein Herr, durch unseren Bruder, den Tod;
ihm kann kein lebender Mensch entrinnen.
Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben.
Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
(Aus dem „Sonnengesang des hl. Franziskus)

Vom 10. bis zum 12. Oktober 2008 führte der Museumsverein Reutte gemeinsam mit dem Kulturforum Breitenwang den Österreichischen Totentanzkongress durch. Dadurch wurde der  Breitenwanger Totentanz nicht nur über die Grenzen hinaus bekannt, sondern auch die Einheimischen wurden auf diese Kostbarkeit vermehrt aufmerksam.

Lange wurde über den Künstler des Breitenwanger Totentanzes gerätselt.  Die verschollen geglaubten Kirchenrechnungen für den Zeitraum 1724 bis 1726 weisen jedoch eindeutig den Füssener Bildhauer Thomas Seitz als dessen Urheber aus. Seitz ist als „der“ Bildhauer von St. Mang in Füssen berühmt geworden. Ein Vergleich der Engelgruppen (Putti) in Breitenwang mit denen in der ehemaligen Klosterkirche St. Mang in Füssen bringen überdies eine eindeutige Bestätigung. Sein Gehilfe war Nikolaus Kaufmann, ebenfalls aus Füssen.

Laut der erwähnten Kirchenrechnung erhielten die Stukkateure 152 Gulden 12 Kreuzer für ihre Arbeit. Eine interessante Nebennotiz in dieser Kirchenrechnung besagt, dass sie zu ihrer Verpflegung Wein wollten, letztlich aber doch nur Bier erhielten. Dafür wurden nochmals 4 Gulden 37 Kreuzer aufgewendet. Der Bildhauer Thomas Seitz wurde in Eschach bei Füssen geboren und übersiedelt 1714 nach Faulenbach bei Füssen. Von Nikolaus Kaufmann wissen wir, dass er in der Nähe von Marktoberdorf geboren wurde und 1736 in Füssen starb.

Dem Breitenwanger Totentanz kommt eine besondere kunstgeschichtliche Bedeutung zu. Es gibt es im deutschen Sprachraum nur noch einen zweiten in Stuck gearbeiteten Totentanz, nämlich jenen im ehemaligen Kloster Michelsberg in Bamberg aus dem Jahr 1730 mit einem vollkommen anderen Bildprogramm.

Der Totentanz im linken Kirchenschiff; von vorne nach hinten: Papst, Moses (kirchliches Recht), Dame, Wirt und Bettler

Die Aussage des Breitenwanger Totentanzes wird erst verständlich, wenn er eingebettet in die religiösen Aussagen der übrigen Kunstwerke gesehen wird. Der ursprünglich Grundgedanke ist der Tanz in Form eines Reigens, bei dem der Tod in der Mitte steht und sich jemand aus dem Leben holt. Somit ist der Totentanz aktuell wie kein anderes Thema: Wir alle werden einmal die Hauptperson in so einem Totentanz sein!

Totentanz im rechten Kirchenschiff; von vorne nach hinten: Kaiser, Lehrer (weltliches Recht), Soldat, Handwerker und Bauer

Die Figuren des Breitenwanger Totentanzes, die aus dem Leben gerufen werden, wirken jedoch heiter und strahlen barocke Lebensfreude aus. Nach dem Tod kommt ja die Auferstehung. Der Totentanz verbindet sich in Breitenwang mit der Hoffnung auf die Auferstehung.

Die Darstellungen und Aussagen dieses Totentanzes sollen nun anhand der einzelnen Szenen näher erläutert werden. Der Totentanz befindet sich in der Hohlkehle des Langhauses, auf jeder Seite fünf Szenen, wobei die jeweils gegenüber liegenden Szenen (Papst/Kaiser, Moses/Rechtsgelehrter, Dame/Soldat, Wirt/Handwerker, Bettler/Bauer) in einen Zusammenhang zu bringen sind.

An der Spitze der Welt: Papst und Kaiser

Den Reigen des Todes führen Papst und Kaiser an. Der Papst korrespondiert mit dem darunter stehenden Johannes. In Johannes wird die Kirche personifiziert. Johannes steht daher folgerichtig unter dem Papst. Der Kaiser ist der weltlicher Gegenpol des Papstes. Es wird jedoch nicht irgendein Kaiser dargestellt. Beim Kaiser handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um Kaiser Lothar III., der am 4. Dezember 1137 in Breitenwang gestorben ist. Das ergibt sich im Vergleich mit dem Standbild des Kaisers im Kloster Montecassino in Italien, wo Lothar auch im antiken Cäsarengehabe dargestellt wird. Der Kaiser korrespondiert wiederum mit der darunter stehenden Maria Magdalena. Die Legende will wissen, dass sie aus königlichem Geblüt stammte. Folglich hat Magdalena auch ihren Platz unter dem Kaiser. Die Aussage ist einfach zu interpretieren: Auch auf die höchsten Repräsentanten der Erde – Papst und Kaiser – wartet der Tod.

Moses steht für das göttliche Recht, der antike Lehrer für das weltliche

Schwieriger wird die Deutung des folgenden Szenepaares, Moses und die antike Rechtsschule. Für diese Szenen gibt es keine bekannte vergleichbare Darstellung. Es gibt zwei Deutungen. Die erste und vordergründige Deutung für das einfache Volk heißt, dass sowohl Moses als auch der Rechtsgelehrte sterben müssen. In der tieferen Bedeutung steht Moses für das göttliche Recht, der Rechtsgelehrte für das weltliche. Der Bruch des Rechts bringt den Tod! Der Bruch des „ius divinum“ bringt die Sünde und damit den seelischen Tod; der Bruch des „ius humanum“ kann den physischen Tod zur Folge haben.

Die vornehme Gesellschaft: Die feine Reuttener Dame und der Offizier von Ehrenberg

Mit dem folgenden Szenenpaar Dame und Soldat tauchen wir in die Lokalgeschichte ein. Einmal sehen wir die typische Kleidung der damaligen Zeit. Die Dame mit ihrem Fächer steht für das reiche Bürgertum. Der Soldat (sicher kein einfacher Soldat!) steht für die Herrschaft von Ehrenberg.
Die Dame wird nicht plötzlich aus dem  Leben herausgerissen: Sie spricht, ja man könnte sagen, sie verhandelt mit dem Tod. Man beachte die wegweisenden Finger ihrer rechten Hand (die heutige Facebook-Generation würde den nach oben gerichteten Daumen als „gefällt mir“ deuten!).
Auch der Soldat (da er auch ein Schwert trägt, kann man ihn als Offizier einstufen) wird nicht im Kampfgetümmel aus dem Leben gerissen. Geradezu neckisch fasst ihn der Tod an seiner Hutkrempe und fordert ihn zum Mitkommen auf.

Heimische Berufe: Wirt und Handwerker (Schäffler)

Mit dem nächsten Szenenpaar Wirt und Handwerker steigen wir die soziale Rangstufe weiter hinab. Es sind Szenen aus dem Wirtschaftsleben von Reutte, das durch die Salzdurchfuhr geprägt war. Der Salzhandel brachte ein florierendes Wirtschaftsleben. Der Handwerker ist ein Schäffler, der ein Salzfass fertigt.
Auch im Angesicht des Todes – und somit nicht plötzlich – muss sich der Wirt von seinem Beruf verabschieden.  Anders ist es mit dem Handwerker: Ihn überrascht der Tod von hinten kommend plötzlich. Der schnelle Pfeil – auch ein Symbol der Pest – weist auf einen plötzlichen Tod hin.

Am unteren Rand der Gesellschaft: Bettler und Bauer

Die unterste Rangstufe werden durch Bettler und Bauer symbolisiert. Der Bettler wird als Krüppel dargestellt und ist möglicherweise ein Kriegsopfer im Zusammenhang mit Kriegen um Ehrenberg. Der Bauer mit Dreschflegel ist für die damalige Zeit, als noch Getreide angebaut wurde und dem Pfarrer von Breitenwang der Kornzehent zustand, aktuell.
Der Bettler erleidet offensichtlich auch einen raschen Tod. Der Bauer hingegen verhandelt noch mit dem Tod. Die Trompete (eine solche scheint auch bei der Dame auf)  mahnt ihn aber,  dass seine letzte Stunde geschlagen hat.
Kunstgeschichtlich weicht die Darstellung  des Bauern von der Qualität der übrigen Medaillons ab. Das Bild ist einfach und derb. Hat hier der Meister Thomas Seitz seinen Gehilfen Nikolaus Kaufmann alleine arbeiten lassen? Oder ist das ein Produkt einer späteren Restaurierung?

© Dr. Richard Lipp
6600 Reutte, Untergsteig 15, Österreich, archiv@lipp-online.at
Der Hintergrund der Totentanzmedaillons wurde bewusst  dunkler als im Original eingefärbt, um einen besseren Kontrast zu erhalten.